Bildschön reloaded

Ich fotografiere mittlerweile seit mehr als vier Jahren, und in dieser Zeit – so bilde ich mir ein – habe ich durch Praxis, Lektüre und Beobachtung anderer Fotografen (und ihrer Blogs) einiges gelernt. Grund genug, um eines der ersten Bilder, das ich im digitalen Zeitalter je geknipst habe, erneut zu schießen. Das Original ist dieses hier:

Schienen in die Elbe

“Geknipst” trifft es wahrscheinlich wirklich am besten: Sonderlich bewusst habe ich damals noch nicht fotografiert, was für gestalterische Aspekte wie etwa die Bildaufteilung gilt, noch viel stärker jedoch für technische Aspekte – Blende und Belichtungszeit manuell einzustellen ist bei meiner Kompakten, mit der ich seinerzeit fotografiert habe, zwar möglich, aber eher umständlich. Nachdem ich die “Ebbe und Flut”-Hürde also genommen habe, war ich gestern zur richtigen Zeit am richtigen Platz:

Schienen in die Elbe reloaded

Leicht zu erkennen: Das Foto ist anders. Uhrzeit und Datum (+ 4 Jahre) stimmen einigermaßen überein, das Schiff im Hintergrund lag damals (und gestern) nicht da. Der Bildausschnitt ist unterschiedlich, beim Remake ist mehr Hintergrund und Himmel zu sehen. Und die Helligkeitswerte sind anders. Mir persönlich gefällt es besser als das Original. Und eigentlich könnte dieser Beitrag hier zu Ende sein, aber da ich schonmal da war, wollte ich mich auch intensiver mit dem Motiv auseinandersetzen.

Eines, was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Es lohnt sich oft, ein Motiv aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Nicht immer ist die erste auch die beste (für alle Fälle sollte man die erstbeste aber auf jeden Fall fotografieren). Eine andere Perspektive, die mich noch überzeugen konnte, war die Seitenansicht:

Schienen in die Elbe Seitenansicht

Es gibt drei Bildelemente (Schienen, Wasser, die Steine als Hintergrund), wobei der Unterschied zwischen Steinen und Schienen sich allein aus der Form, kaum aus der Farbe ergibt und daher erst verzögert wahrgenommen wird. Dank der in unserem Kulturkreis allgemein anerkannten Leserichtung von links nach rechts führen die Schienen ins Wasser hinein, wohingegen sie von der anderen Seite gesehen aus dem Wasser hinaus führen würden. (Genau deshalb hab ich’s nicht fotografiert, wer sich vom Eindruck selbst überzeugen will: Bild runterladen und spiegeln.) Aber der Knaller ist das Bild irgendwie nicht…

Angeblich wirken “steigende” Linien, die von links unten nach rechts oben verlaufen, ja besser. Also, einen Schritt nach rechts gemacht, und voila:

Alternative Schienen-Perspektive

Für mein Empfinden: Fehlanzeige. Steigende Linien vermitteln Aktivität, Bewegung, wirken positiv. Dieses Motiv ist aber nicht wirklich positiv. Normalerweise wirken Schienen als etwas unendliches, soweit der Blick reicht führen sie einfach weiter. Hier nicht. Es gibt auch keinen Prellbock, der “Stop!” signalisiert. Und selbst wenn man wollte, könnte man die Gleise nicht fortführen – wie Lia es in der Kommentaren so schön ausgedrückt hat: das Bild hat etwas endgültiges. Mehr noch: Durch den Wechsel der Bildperspektive ändert sich auch die Perspektive des Fotos im narrativen Sinn: In den ersten beiden Bildern oben wird der Betrachter viel stärker in das Bild eingebunden, durch die Perspektive ist er auf den Schienen und hat keine andere Wahl, als aufs Wasser zuzufahren. Durch die geänderte Aufnahmeperspektive ändert sich auch die Betrachterperspektive vom Teilnehmer zum Beobachter, der… ja, was eigentlich beobachtet? Es gibt kein handelndes Bildelement, was zuvor der Betrachter selbst war. Technisch gesehen ist das Bild gelungen, aber irgendwas fehlt.

Wenn, dann also so:

Schienen ins Wasser

Hier funktioniert es mit den steigenden Linien, weil der Wagen ein Bildelement ist, dem Aktivität und Bewegung zugeschrieben werden. Mehr noch: dem Wagen wird Bewegung auf Schienen zugeschrieben, weshalb der Blick dem Schienenstrang folgt und am Bildrand im Wasser landet. Die Bildaussage lässt sich sogar ganz einfach als Satz ausdrücken und grammatikalisch analysieren: Der Wagen fährt ins Wasser. Subjekt (der Wagen), Prädikat (die Schienen), Objekt (das Wasser). Das war’s aber auch schon – die Bildaussage ist zu eindeutig und lässt kaum Spielraum für Interpretationen. (Den Begriff “Bildgrammatik” kannte ich vorher zwar nicht, aber den gibt’s schon.)

Vollkommen seine Wirkung verliert das Foto in meinen Augen aus der gegenüberliegenden Perspektive:

Nochmal Schienen ins Wasser

Irgendwie “plumpst” der Blick viel zu schnell ins Wasser, das Bild hat für mein Empfinden keine Pointe – Schenkelklopfer statt Feinsinn, Mario Barth statt Hagen Rether. Das muss doch wirklich nicht sein…

Die Alternative, die mich allerdings wirklich überzeugt, ist ein anderes Format: quer statt hoch.

Schienen in die Elbe (quer)

Die Entscheidung, mal diese Variante zu bearbeiten, ist offen gesagt erst entstanden, während ich den Beitrag hier geschrieben habe. Die Perspektive bindet den Betrachter ein, was durch das Format, das eher dem menschlichen Sehfeld entspricht, erleichtert wird. Trotzdem hab ich die Farben herausgenommen, um die (auf mich) triste Bildwirkung zu unterstreichen. Dadurch und durch die harten Kontraste ergibt sich wieder eine leichte Distanz, die im Kontrast zu Perspektive und Format steht und so (hoffentlich) für eine gewisse Spannung sorgt. Für mich die gelungenste Umsetzung dieses Motivs.

Und für mich definitiv die intensivste Auseinandersetzung mit einem Motiv überhaupt – vor, während und nach dem Fotografieren… und jetzt hoffe ich auf reichlich Kommentare, ob ich mit meiner Bildanalyse richtig liege.

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7 Kommentare zu „Bildschön reloaded“

  1. Paulina sagt:

    Ich finde, die Idee schön, dass du nach einigen Jahren nochmals an den Ort gefahren bist, um nochmals das Motiv zu fotografieren. Übrigens finde ich das letzte Foto auch am gelungensten. Was natürlich auch am Querformat liegt, aber auch daran, dass du (so wirkt es zumindest auf mich) den Kontrast erhöht hast?

  2. Daniel sagt:

    Freut mich, dass ich mit meiner Einschätzung nicht allein bin. :-) Die Schwarz-Weiß-Varianten hab ich mit der Monochrom-Option im Kanalmixer umgesetzt, nur merk ich mir die Einstellungen nie sondern spiel ein bisschen damit rum. Beim letzten Bild hab ich scheinbar die schöneren Einstellungen getroffen. ;-)

  3. Paleica sagt:

    ich bin im allgemeinen ein querformat fan, es gibt wenig hochformatsbilder, die mich so richtig mitreißen. dass das am sehfeld liegt, darauf bin ich noch nie gekommen. auf jeden fall gefällt es mir in s/w und mit höherem kontrast besser als in farbe. die seitenansicht gefällt mir auch, würde ich aber vermutlich i s/w und mit höherem kontrast auch mehr als blickfang empfinden.
    das letzte querformat wirkt wirklich super, vor allem weil man den ‘narrativen’ kontrast hat – das glitzern am wasser vs. das ende der schienen (weiß weiß, vielleicht ist hier der eingang des hades und dort wo es glitzert gehts zum elysium ^.^).
    bei der bearbeitung finde ich nur, dass links oben die wolken ein wenig verfremdet wurden und der untere bildrand würde ein wenig mehr schärfe vertragen. dies aber nur minimale anmerkungen, aber da du so ausführlich analysiert hast wollte ich jetzt ebenso ausführliches feedback geben (=

  4. Daniel sagt:

    Ausführliches Feedback ist mir immer willkommen, erst recht wenn’s dann auch noch so fundiert ist. :-)
    Mit den Wolken links oben beim letzten Bild geb ich Dir Recht. Ist unbeabsichtigt beim Kanalmixen rausgekommen (dass die Wolken da dunkler sind find ich schön, die unnatürlichen Ränder nicht). Die Unschärfe am unteren Bildrand ist allerdings Absicht: Da kein wirklicher Vordergrund zu sehen ist, sondern direkt die Motivebene, wollte ich dem Ganzen zumindest so optisch ein wenig Tiefe verleihen und hab nur um eine Stufe abgeblendet (F4.5). Leider fällt die Unschärfe im unteren Bildbereich stärker ins Gewicht als im Hintergrund…
    In noch einem Punkt hast Du Recht: Die Seitenansicht sähe so wie das letzte Foto bearbeitet sicher besser aus. Aber sooo prickelnd fand ich die Perspektive nicht, deshalb hab ich mich lieber auf mein “Lieblingsbild” des Shootings konzentriert. ;-)
    Der Eingang des Hades? Meinst Du, der hat nen eigenen Bahnhof? (Obwohl: eigentlich logisch, wie sollen die Verdammten sonst dorthin kommen…)

  5. Paleica sagt:

    ja, das meinte ich bei den wolken. also die ränder, das dunkel ist schon in ordnung so. aber sowas passiert mir beim kontrast erhöhen auch öfter mal. da hilfts, dass die bilder bei mir im blog nicht so groß zu sehen sind ^.^ (schummeln ist das halbe leben +g+).
    ich glaub daran liegts, dass die unschärfe unterschiedlich stark wirkt. oder vielleicht ein bisschen zu wenig unscharf ist. ich weiß nicht. aber ich will da nochmal betonen: mir gefällt das bild!! das, was ich hier mache, ist nur detailmäkelei, weil du dir beim analysieren soviel mühe gegeben hast!
    +g+ nein du hast schon recht, bahnhof hat der hades keinen. ich frag mich nur, wie der hermes die toten seelen zum eingang transportiert, wo sie charon dann für 2 obolen über den styx schippert +g+

  6. Daniel sagt:

    Ich setz mich am Wochenende nochmal dran. Mit gefällt das Bild ja auch sehr gut, aber diese Wolke oben links… mal gucken, ob und wie ich das verhindern oder korrigieren kann.
    Hm, vielleicht kommen die toten Seelen auch mit dem Flugzeug: Vom Foto aus gesehen links auf der anderen Seite der Elbe ist das Airbus-Werk, da können die landen. Ich frag mich viel eher: Was passiert mit dem ganzen Geld, dass der Charon einnimmt? Finanzieren die da unten davon die Heizkosten oder so? Was für Auswirkungen hätte es eigentlich auf die Wirtschaft, wenn ständig große Geldmengen dem Finanzkreislauf für immer entzogen werden, weil die Toten damit ihre Styx-Querung blechen müssen? Das haben die Griechen damals nicht zu Ende gedacht… ;-)

  7. Paleica sagt:

    okay mach das. dann musst dus aber auch posten (=
    wer weiß, wie das jetzt ist. in der antike wahrscheinlich nicht, aber in anbetracht des bevölkerungswachstums wird der herr hermes auch nicht allein alles machen können – da könnts schon sein, dass die flugzeuge helfen (;
    hm eine interessante überlegung. tja, so wirtschaftlich waren die griechen dann doch nicht orientiert (M wahrscheinlich nützt der hades das geld um mit dem zeus geschäfte zu machen. oder sonst mit irgendwem. nehm ich an (;

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