RE: Fotografie ist Muße. Wenn man es zulässt.

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf “Fotografie ist Muße. Wenn man es zulässt.” von Birgit Engelhardt.

Heute war wieder einer dieser Tage: Die ganze Woche hatte ich mir schon vorgenommen, mir meine Kamera zu schnappen und an die Alster zu fahren, um da ein paar Winterfotos zu schießen. Eine richtige Fototour hab ich dieses Jahr schließlich noch nicht gemacht. Als ich dann heute Morgen Mittag aufgestanden bin, hatte ich direkt ein paar Ausreden: Es hat geschneit, außerdem war es kalt, und es gab zuhause noch so viel zu tun… und dann les ich diesen Post von Birgit.

Kurz zusammen gefasst: Birgit hat sich bislang zu sehr selbst gestresst, wenn es um ihr Hobby Fotografie ging. Bis sie mal eine kleine Pause einlegen musste, keinen Internetanschluss hatte und ihr Hobby gezwungenermaßen mal etwas ruhiger angehen lassen musste. Wie immer bei solchen philosophischen Posts hab ich mich gefragt: Wie ist das bei mir?

Muße ist nun wirklich nicht mein Problem. Ganz im Gegenteil: Wenn ich keine Lust und Muße zum Fotografieren habe, dann lass ich es. Es passiert oft genug, dass ich mit Kamera losziehe und kein einziges Foto schieße. An solchen Tagen fehlen mir Kreativität und der Blick für Motive. Das ist dann auch gar nicht schlimm – schlimmer ist es, wenn ich auf Teufel komm raus dann doch etwas fotografiere, nur um nicht umsonst meine Kamera mitgeschleppt zu haben. Das klappt zwar rein technisch gesehen, aber die Fotos werden einfach nicht schön. Ohne Muße kann ich gar nicht fotografieren.

Und wie ist Birgit in diese Situation gekommen? Ich darf mal kurz zitieren:

  • Ich habe einen Blog, den ich liebe. Aber er muss gefüllt werden, auch, wenn ich grad keine Lust habe. Das erwarten die Leser.
  • Ich habe viele Blogs im Feedreader, die zu lesen viel Zeit kostet. Aber das ist neuer Input, und das macht mich besser. Denke ich.
  • Ich habe mehrere Projekte, v.a. das Community-Kochbuch. Ich koche gerade mit Leidenschaft, aber ich muss auch nen Zwischenstand fertig machen, die Rezepte von den jeweiligen Einreichern absegnen lassen und alles online stellen. Darauf warten die Mitmacher.
  • Ich muss üben, um besser zu werden.
  • Ich habe so viele unbearbeitete Fotos auf dem Rechner, so viel ungenutztes Potenzial…
  • Und von dem einen Programm ist die Testphase von 30 Tagen fast abgelaufen, ohne dass ich es mir bisher angesehen habe.
  • Ihr seht: Viele “ich müsste”, “man erwartet” … sehr viele Ketten, die ich mir selbst auferlegt habe, ohne zu wissen, ob es sie überhaupt gibt. Versteht mich nicht falsch: An den meisten Tagen macht mir das alles sehr sehr viel Spaß. Aber manchmal ist es auch eine Last, eine Verpflichtung, eine Verplanung der Freizeit, egal ob ich will oder nicht.

Viele unbearbeitete Fotos hab ich auch. Aber ehrlich: Während sie auf meiner Festplatte schlummern, werden sie nicht schlechter. An Projekten nehm ich gar nicht erst teil – weil ich genau weiß, dass mir die Disziplin fehlt, das lange durchzuziehen. Auch ich hab ein paar Blogs im Feedreader – derzeit genau zehn, die meist nicht täglich posten. Sobald ich merke, dass ich einen Feed nicht mehr lese, fliegt er aus dem Reader raus. Und last but not least mach ich mir keinen Druck, was mein Blog angeht. Wenn ich Zeit habe, blogge ich, wenn ich keine Zeit habe, blogge ich nicht – ich hoffe mal, dass die paar Stammleser, die ich habe, nicht täglich neuen Input erwarten. Üben allerdings würde meinen fotografischen Fähigkeiten sicher gut tun. Aber selbst auferlegte Ketten? Fehlanzeige. Mit der Folge, dass ich in meinem “Fotoblog” dieses Jahr noch kein Foto veröffentlicht habe. Bei Birgit habe ich 26 gezählt.

Nein, Muße ist wirklich nicht mein Problem. Eher das Gegenteil. Der erste Absatz oben zeigt es: Mein Problem ist eher mein innerer Schweinehund. Ein ausgewachsenes und, das kann ich ganz ohne Stolz sagen, recht prächtiges Exemplar. Ginge es bei mir nur um Muße, so würde ich wahrscheinlich nur quartalsweise meine Kamera auspacken. Fotografieren tut mir gut, es macht mir Spaß – aber oft genug muss dazu erstmal besagter Schweinehund an die Kette gelegt werden.

Birgit möchte 2010 mehr Muße in ihre Fotografie bringen. Ich möchte 2010 ein bisschen mehr Disziplin in meine Fotografie bringen. Vielleicht kann ich mir von ihr in der Hinsicht eine Scheibe abschneiden.

Ach ja: Auf Fototour war ich heute, irgendwann hat der Schnee aufgehört, und ausgerechnet Birgit hat mich per Mail gescheucht. :-) Sind ein paar schöne Fotos bei rumgekommen, bei Gelegenheit werd ich sie hier veröffentlichen – sobald ich mal wieder Muße zum bloggen hab…

8 Gedanken zu “RE: Fotografie ist Muße. Wenn man es zulässt.

  1. Schöner Post. Ich denke auch, das man sich nicht zu sehr stressen darf. Als ich meine neue Kamera bekommen hab, dachte ich auch ich müsse jetzt hunderte von tollen Fotos machen um ganz viele tolle zeigen zu können. Auch andere warteten auf die – zu keiner Zeit angesagte – Bilderflut, doch sie blieb aus. Es ist so frustrierend wenn man möchte und kann nicht weil die Kreativität vor lauter “müssen” fehlt.
    Inwiefern möchtest du mehr Disziplin? Was das rausgehen betrifft?
    Hauptsache du machst dir selbst nicht zuviel Druck. Wenn du dich zum Fotografieren zwingen musst, hast du bestimmt nur halb so viel Spaß dabei – zumindest würde es mir so gehen :-)
    lg nitty

  2. Mehr Disziplin nur im Hinblick darauf, dass ich das, was ich mir vornehme, auch tatsächlich umsetze.
    Ich finde, es gibt nix schlimmeres als eine Fototour nach dem Motto “hey, das Wetter ist gut, das Licht ist toll, Du MUSST jetzt fotografieren gehen”. Ich zumindest schieß dann vielleicht ein paar Alibi-Fotos, damit ich die Kamera nicht umsonst dabei hatte, aber das sind dann grundsätzlich Kandidaten fürs schnelle Löschen.
    Druck mach ich mir selbst nicht… aber irgendwie finde ich es schade, dass ich dieses schöne Blog hier hab und diese schöne Kamera zuhause, und in den letzten Wochen so wenig Bilder gemacht und veröffentlicht hab…

  3. Klasse geschrieben! Finde es sehr amüsant, dass wir beide mit der Fotografie “kämpfen”, aber von zwei völlig verschiedenen Richtungen.

    Hihi hat meine Mail also doch noch was genützt – schön! Magst nächstes WE wieder eine Motivationsmail haben? ;)

  4. Ja, Deine Mail hat tatsächlich gewirkt. :-)
    Aber das sollten wir nicht zur Regel werden lassen, sonst fotografiere ich nachher gar nichts mehr wenn ich nicht vorher ne Mail von Dir bekomme… ;-)

  5. birgits post hab ich gelesen und mich selbst auch sehr wiedergefunden. ich übertreib es meistens mit der disziplin (trotz diplomprüfung nie das p52, abc-projekt, schöne momente oder sonstwas später gepostet) – das grenzt dann schon an irrsinn. aber ich liebe es halt.

  6. Ich bewundere Euch beide für Eure Disziplin, echt. Ich hab die nicht. In Sachen Fotografie, Blog und überhaupt bin ich viel launischer. Find’s halt irgendwie amüsant, dass Birgit sehr diszipliniert fotografiert und bloggt, und sich dabei mehr Muße wünscht, und ich nur müßig fotografiere und blogge, aber mir dabei mehr Disziplin wünsche. :-)
    Übrigens würde ich wetten: In Birgits Post finden sich mehr wieder als in meinem…

  7. ja das ist allerdings amüsant (= aber das glaub ich gar nicht. soviele, wie bei den projekten im laufe der zeit ausgestiegen sind. bei mir ists halt der schon leicht krampfhaft anmutende ehrgeiz ^^

  8. Pingback: Der Film ist voll » Ehrgeiz vs. Spaß: 1:1

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